Zeitungsbericht der Passauer Woche vom 29. September 2004

 

Kunst am Fuß-edle Treter und noble Gebrauchsschuhen.

 

Die Familie des Passauer Schuhmachermeisters Helmut Foran baut seit 124 Jahren Schuhe.

 

Helmut Foran baut Schuhe. Edles Schuhwerk für die Ewigkeit. Vom Entwurf bis zum letzten Nadelstich mit dem von ihm eigens in bis zu zwölf Bahnen handgedrehtem Hanfzwirn schafft er Kunstwerke aus Chevreaux(feinstes Ziegenleder) und Cordovan (exquisites Pferdeleder aus Chicago). Auch Känguru-oder Krokoleder darf´s auf Wunsch gern mal sein. Oder eben der günstigere Klassiker: Kalbsleder.

 

Ihre Geschichte

 

Seit 1880 macht die Familie Foran in Schuhe. Seinerzeit allerdings in der Landeshauptstadt München. Schon als kleiner Bub stand ich beim Opa in der Werkstatt und schlug Nägel in die Werkbank, denkt Helmut Foran zurück an seine Kindertage: Der Opa hat nach dem Krieg oft Schuhe gegen Nahrungsmittel wie Mehl getauscht. Dadurch hatten wir immer zu essen.”

1996 kappte Helmut Foran seine Wurzeln in der Großstadt und zog mit seiner Familie in den ruhigen, idyllischen Bayerischen Wald nach Tittling. In Passau übernahm er – wegen des Kundenstamms - den Schuhreparaturdienst des Passauer Traditionsschusters Sonnleitner im Oberen Sand. Die Kunden kamen und sahen und waren begeistert von den wenigen handgefertigten Schuhmodellen, die Foran in der Werkstatt ausgestellt hatte.

Heute fertigt Foran in einer Werkstatt in der Theresienstraße und verkauft sie gleich noch im angeschlossenen Laden für Edel-Schuhwerk. “ Die Prominenz von Passau ist meine Kundschaft”, erklärt er ganz ohne Arroganz. Denn dass Hinz und Kunz hier nicht so oft einkaufen, liegt bei Preisen von mindestens 260 Euro (nach oben hin ist bis rund 2000 Euro alles offen) für handgefertigte Maßschuhe klar auf der Hand.

 

“Von den Schuhen heute krieg ich `nen Hals “

 

Dafür stecken aber auch vier bis fünf Tage Arbeit in einem Meisterstück nach alter Schuhmachertradition. “Bei Schuhen aus dem normalen Schuhgeschäft ist die so genannte Brandsohle im Schuh aus Pappe. Das hat zur Folge, dass der Träger ständig Schweißfüße hat.

Leder dagegen nimmt den Schweiß auf und absorbiert Ihn.” Natürlich ist das nicht der einzige Vorteil. Denn solche handgefertigten Nobel-Treter halten locker zehn Jahre ihre Form und ihr Aussehen. Ganz im Gegensatz zu ihren – mitunter auch nicht unbedingt billigen - “Kollegen “ von der Stange. “Von den Schuhen heute kriege ich so einen Hals”, ärgert sich der Maßschuh-”Fetischist”. “Auch die sündteuren Schuhe von namhaften Edelmarken sind nicht selten innen mit Plastik verarbeitet.” Nach Helmut Forans Beobachtung war es vor 15 Jahren, als die Schuhindustrie begann, Qualität mit Füßen zu treten und keinen gesteigerten Wert auf Passform, guten Stand und gesunden “Schnickschnack” mehr zu legen”. Das Handwerk des Schuhmachers ist ein aussterbender Beruf “, weiß Helmut Foran. Allerdings ist das – neben Forans herausragender Kunstfertigkeit – wohl einer der gründe, dass er auch Kunden aus Österreich und Norddeutschland zu seinem Kundenstamm zählen kann.” Passau liegt günstig zwischen München und Wien.

Viele Leute schauen regelmäßig bei mir rein, wenn sie in Niederbayern Urlaub machen oder wenn sie ihren in Passau studierenden Filius besuchen”, verrät der Schuhmachermeister.

 

 

Und so kommt es, dass gut und gerne 50 Prozent seiner Kunden aus Berlin, Hamburg, Stuttgart und anderen mehr oder weniger weit entfernten Städten kommen. Da bestellt eine Deggendorfer Kundin bei Helmut Foran schonmal einen Gürtel aus Krokoleder mit einer Gürtelschnalle aus Sterlingsilber eine Nachbildung aus dem 14. Jahrhundert. Eine Passauer Studentin wiederum hast sich von ihm die Krokoledertasche der Oma zum Nobel-Ordner für ihre Unterlagen umarbeiten lassen. Und aktuell fertigt Helmut Foran schwarz-weiße Golfschuhe für einen Kunden aus Wien. “Die sehen wirklich absolut edel aus. Und es sind Unikate, weil es sich dabei um Gesundheitsschuhe handelt, die speziell für die Bedürfnisse des Kunden gefertigt wurden”, erläutert Foran seine Arbeit. Eine Herausforderung für den Schuhkünstler.

Halbstiefel wie aus dem 18. JahrhundertAlle Möglichkeiten auszuschöpfen, neues zu kreieren, das macht für Helmut Foran die Faszination seines Berufs aus. Herausgefordert will er werden, den Schuh immer wieder neu erfinden, neue Materialien entdecken und alles zu einem Gesamtkunstwerk zusammenbauen. Deshalb hat es ihn vor ein paar Monaten auch geradezu glücklich gemacht, als er von einer niederbayerischen Schuhmanufaktur erfuhr, die bereits vor 20 Jahren geschlossen wurde. In ihrem fünfstöckigen Lederlager fand er verborgene Schätze:” Da gab es 30 Jahre altes naturgegerbtes Leder – ich habe Gürtel und Schuhe daraus gebaut. Dieses Leder hatte eine Patina erlangt, so etwas kann man heute nicht mehr kaufen”, schwärmt der Meister, der auf der ständigen Suche ist nach Leder, dass es auf dem Schuhmarkt eigentlich nicht (mehr) gibt.

Soviel neues Schuh-Werk hat Helmut Foran in seinem Kopf, dass er mit dem Bauen eigentlich gar nicht mehr nachkommt. Ein Halbstiefel für Damen etwa mit einer Leistenform aus dem 18. Jahrhundert sowie Knöpfen aus Sterlingsilber. Die Crux an der Sache mit den außergewöhnlichen Schuhkunstwerken: “ Modisch gesehen traut sich heute niemand mehr was. Die Leute haben einfach zu wenig Fantasie und leider auch immer weniger Stil. Die Österreicher sind da allerdings etwas anders”, schränkt Helmut Foran seine Kritik ein. Obwohl er natürlich durchaus Verständnis für die modische Zurückhaltung der Kunden in bezug auf qualitativ und dadurch auch preislich hochwertiges Schuhwerk hat. Immerhin überdauert ein Schuh aus Pferdeleder locker 15 Jahre und mehr.
Für viele scheint das in einer Zeit, in der das modiche Verfallsdatum bereits nach einem halben Jahr abläuft, wohl nicht gerade attraktiv. Aber da bringt Foran auch gleich ein Gegenargument:” Es gibt schöne Schuhe, die gerade deshalb zeitlos weil außergewöhnlichsind. Und es gibt bunte
Klassiker, die man auch nach 20 Jahren noch tragen kann.”
20 Jahre, eine lange Zeit.

 

Bericht der LOKAL NEWS vom 05.05.11

 

Schuhmacher Helmut Foran und der Zeitgeist

Meisterhaftes für den Fuß – und fürs iPhone



Einen Meister des Schuhhandwerks gibt es in Passau. Helmut Foran (52): Wir haben ihn in seinem Laden besucht.



Der Vater war Schuhmacher. Und der Vater vom Vater war Schuhmacher. Und der Onkel vom Vater vom Vater war Schuhmacher. Helmut Foran macht sie nun in vierter Generation nach Maß: die Stiefel, die Anzugschuhe, die Sandalen und die Pumps. Hausschuhe fertigt er seit einer Weile auch an und seit neuestem Handytaschen und iPad-Hüllen. Helmut Foran liebt sein uraltes Handwerk. Er hat es nur ein bisschen aufgepeppt.

Der Schuhmachermeister hat in der Passauer Theresienstraße sein Reich: Es ist Laden und Werkstatt zugleich, sowohl Verkaufszimmer als auch Ausstellungsraum, Atelier und Inspirationsquelle. Der alte Kronleuchter, die dunklen Regale, das kleine barocke Bänklein, goldene Beine, roter Bezug: „Hier kann ich kreativ sein“, sagt der 52-Jährige. Er trägt eine Schürze aus dunklem Leder über dem Pullover, oben der Hemdskragen, dazu eine helle Hose und braune Budapester Schuhe. Sie sind eingetreten, aber gepflegt. „Der Schuhmachermeister hat für sein eigenes Schuhwerk am wenigstens Zeit“, sagt Helmut Foran. „Das hat mein Opa schon gesagt.“

 

„Passau hat uns nicht mehr losgelassen“
Eigentlich ist Helmut Foran Münchner. In München haben seine Vorfahren 1880 angefangen mit dem Schuhmacherhandwerk. Auch er selbst hatte dort einen Laden, den vom Opa, „aber uns hat's rausgezogen nach Niederbayern“, sagt er. Bei einem Besuch bei Verwandten seiner Frau im Bayerischen Wald hätten sie ein einen Zwischenstopp „zum Shoppen“ in Passau gemacht – und sich in diese Stadt verliebt: „Passau hat uns nachher nicht mehr losgelassen.“


Grundgerüst von Forans Arbeit sind Leisten.

Am Oberen Sand gab wenig später ein Schuhmacher seinen Laden auf – und Foran übernahm ihn. „Etwa fünf Jahre später bin ich dann in die Theresienstraße gezogen“, sagt er. Von hier aus versorgt Helmut Foran nun die Passauer mit gehobenem Anspruch für Fußbekleidung mit Schuhwerk, er hat viele Stammkunden von auswärts, aus ganz Deutschland. Schuhe nach Maß, solche fertigt kaum mehr jemand an. „Erst letztens hat ein Arzt aus Stuttgart bei mir Schuhe bestellt“, erzählt er.

Helmut Foran macht jeden Handgriff selbst: Er misst den Fuß des Kunden, er fertigt eine Leiste an, er besorgt das Leder, schneidet es zu, verarbeitet es. Er vernäht die Schuhe, „mein Opa hat sie noch vernagelt.“ Aus Croupon – speziellem Bodenleder – stellt er die Sohle her, weicheres schneidet er für das Innere des Schuhs zurecht. 90 Prozent seiner Arbeiten sind Aufträge, der Rest Schuhe, die er auf Vorrat macht und eigene Ideen.

Der grüne Damenstiefel zum Beispiel: Dessen Leder ist so glatt, so glänzend, dass sich der Deckenkronleuchter darin spiegelt. „Eine Mischung aus Reitstiefel und modernem Damenstiefel“, sagt er. 13 Tage hat er daran gearbeitet. Entsprechend ist der Preis: 2.400 Euro. Oder der schwarze Halbstiefel mit der Oberfläche, die sich samten anfühlt: „Eine Replikation eines Schuhs des Parisers Patrick Penet“, erklärt Helmut Foran.

 

Leder, Leder, Leder: Kalb, Python, Strauß

 

Es riecht nach Leder im Laden. Gleich hinter der Verkaufstheke hängt es in den unterschiedlichsten Farben und Größen, es liegt aufgerollt in einem Regal. Wenn er die verschiedenen Arten erklärt, eine besondere Maserung beschreibt, dann gerät er ins Schwärmen. Er nimmt einzelne Bahnen vom Regal, breitet sie aus, streicht mit der Hand darüber. Nur von ausgewählten Gerbern bezieht er sein Leder, kauft viel in Italien und Frankreich ein. Kalbleder verarbeitet er am liebsten, doch finden sich zum Beispiel auch Leder vom Rind, vom Krokodil, von der Python und vom Strauß.

Der Strauß: Von dem ist Helmut Foran zurzeit besonders begeistert. Von seinen Beinen, genauer gesagt. „Straußenbein ergibt als flaches Leder eine wunderbare Maserung, sehen Sie selbst“, sagt er und zeigt einen Herrenschuh. Hinten offen ist er, vorne spitz, und knallgrün: ein etwas anderer Slipper? „Ein Hausschuh“, sagt er. Foran mag es extravagant. Und doch wieder altmodisch: Denn die Idee, Hausschuhe anzufertigen, hat er von seinem Opa übernommen. „Als er schon längst in Rente war hat mein Opa für die Nachbarn noch Hausschuhe gemacht.“ Selbst hat Foran sich vor einem halben Jahr zum ersten Mal an einen Pantoffel gewagt. Nun stehen zig Designs in seinen Regalen.

 

Maßgeschneidertes für iPhone und iPad


„Man kann so unglaublich kreativ arbeiten“, sagt Helmut Foran über seinen Beruf. Als Schuhmacher auch mal einen Gürtel herzustellen, eine Geldbörse, das sei Standard, sagt er. Reparaturen vorzunehmen, das sowieso. Doch will der 52-Jährige auch stets etwas bieten, das dem Zeitgeist entspricht. Und der Zeitgeist, das sind: Handys und Computer. Noch zeitgemäßer: iPhone und iPad. Die kann man bei Helmut Foran einkleiden lassen. „Bei den Studenten bin ich derzeit der Renner, da kommt fast täglich einer. Es ist ein Wettbewerb ausgebrochen, wer die schönste iPhone-Hülle hat.“

Aus indonesischem Wasserbüffel, aus brasilianischem Lachsleder, aus weinrotem Straußenleder, aus Pergament fertigt er die Handytaschen an. Kosten: ab 39 Euro. Ein stilisiertes Korsett drauf für die Frau, ein grob mit Sehnenfaden vernähtes Leder für den Mann, „und einer hatte einen ganz speziellen Wunsch“, sagt Foran. Ein iPhone-Halter aus dem Fell der Bisamratte. Foran lacht und hält sich das flauschige Ding ans Ohr: „Na, warum nicht?“

Doch zurück zu den Schuhen. Oder zu den Füßen. Die nämlich, sagt der Schuhmachermeister, werden immer größer. Und breiter: „Ich hab mich schon öfter mit Ärzten unterhalten, die glauben, dass das an der Ernährung liegt.“ Selbst hat er Schuhgröße 43. An beiden Füßen: „Sie glauben gar nicht, wie viele Leute zwei unterschiedlich große Füße haben.“ Neben den unterschiedlich großen Füßen hat er im Laufe der Jahre auch unterschiedliche Schuhticks kennen gelernt. „Es gibt Leute, die ziehen wirklich viele verschiedene Schuhe an, und es gibt welche, die haben sie nur zum Anschauen.“

Hat er selber einen Schuhtick? „Oh ja.“
Und seine Frau? „Die hat auch so einen Schuhvogel. Aber sie ist sehr penibel, was das Design angeht.“
Kauft er auch mal selber in einem Laden Schuhe? „Ja. Und glauben Sie, so eklig bin ich als Kunde gar nicht.“